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Lea Manti (1886 – mind. 1960):
„die nicht nur auf weibliche Kleidung, sondern auch auf den kleinen Fingern pfeift“
– Eine neue Annäherung an Leben und Werk der Kunstpfeiferin


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Lea Manti im The Courier Journal 1924, Reprinted with permission, The Courier Journal ©
The Courier Journal, 2.3.1924
Reprinted with permission,
The Courier Journal ©

Lea Manti war zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik eine erfolgreiche und zeitgenössisch weltbekannte1 Kunstpfeiferin aus Deutschland. Scheinbar mühelos pfiff sie*2 auf ihren beiden kleinen Fingern einprägsame Melodien, sogar Opernarien und anspruchsvolle Konzertstücke. Zu ihrem reichhaltigen Repertoire gehörten beispielsweise Stücke aus der Oper „Tannhäuser" (Richard Wagner), das Lied „Dein ist mein ganzes Herz" aus „Land des Lächelns" (Franz Lehár)3 und ein Walzer aus der „keuschen Susanne" (Jean Gilbert) genauso wie das „Ave Maria" (Charles Gounod) oder auch der „Lieblingsmarsch unseres Kaisers".4 Trotz ihres offenkundigen Ruhms ist sie heute weitgehend in Vergessenheit geraten, und in einschlägigen Theater- oder Bühnenlexika sucht eine_r sie vergebens.

Die Bühne betrat Lea Manti grundsätzlich im eleganten Frackanzug und mit äußerst kurzen, meist zurückgekämmten, eng anliegenden Haaren. Ihr Markenzeichen war ein „Biedermeier-Herrenkostüm",5 das als „tiefviolett[e]" beschrieben wurde.6 Dieses Outfit konnten die Berichtenden nicht so recht einordnen; für überzeugende Maskulinität erschien ihnen die Person offenbar zu klein und zu dünn – und die Farbe der Kleidung zumindest gewagt. Deshalb wurde sie despektierlich als „das graziöse ‚Herrchen'"7 beschrieben. Auch ihre Gender-Performance meinten die Zeitungen kommentieren und letztlich auch vereindeutigen zu müssen. So wird erklärt: "Lee Manti (sic) is a girl – a slender slip of a girl"8 (etwa: Lee Manti ist zwar ein Mädchen, aber sie ist mehr als schlank und hat nicht viel von einem Mädchen). Sie war – wie eine andere Zeitung zusammenfasste – eine Künstlerin, "die nicht nur auf weibliche Kleidung, sondern auch auf den kleinen Fingern pfeift".9 Ihre Auftritte hingegen wurden stets als virtuos und gelungen empfohlen und gelobt. Weil sie außer ihren Fingern kein weiteres Instrument benutzte, galt sie als „Natur-Kunstpfeiferin",10 die „mit der Bravour eines ganzen Orchesters zwitschert, flötet und pfeift".11 Sie ist in der Lage, nach ein- oder zweimaligem Hören, ein Musikstück einfach nachzupfeifen. Dabei ist ihr Pfeifen nicht schrill, sondern hat einen angenehmen tiefen Ton.12 Auch sie selbst bezeichnete sich selbstbewusst als „Pfeif-Virtuosin".13 Jahrzehntelang genoss die erfolgreiche und berühmte Künstlerin einen Ruf als unübertroffene Kunstpfeiferin. Ihre Karriere währte bis Anfang der 1930er Jahre, also mindestens 25 Jahre. In dieser Zeit pfiff sie an unterschiedlichen Varieté-Bühnen entweder allein oder mit unterschiedlichen, zum Teil auf Tournee gehenden Ensembles in zahlreichen Städten in Deutschland und Europa: Sie war in den großen Varietés der Metropolen zu hören, in Deutschland, der Schweiz, in Österreich, Böhmen, Italien oder den Niederlanden und England. Auch außerhalb Europas war Lea Manti unterwegs und offenbar auch sehr gefragt: 1913 trat sie im südafrikanischen Johannesburg auf, 1924 im US-amerikanischen Bundesstaat Kentucky.

Es lag nahe, dass es sich – wie bei vielen anderen Performancekünstlerinnen der lesbischen und trans* Klubs – bei dem Namen „Lea Manti" um ein Pseudonym handeln musste; bis jetzt konnte dieses allerdings nicht gelüftet werden.



Martha Mandt – geboren in Elberfeld


Lea Manti wurde als Martha Mandt am 13. August 1886 in Elberfeld (heute zu Wuppertal) in eine evangelische Familie geboren – zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Maria. Ihre Eltern waren Mathilde Sebastian (1854-1897) und der Buchbinder Franz Martin Mandt (1848 – nach 1907).14 Die Zwillinge waren nicht die ersten und auch nicht ihre einzigen Kinder: Mit der Tochter Caroline Ottilie (1874-1919) war Mathilde Sebastian bereits schwanger, als sie im November 1873 mit Martin Mandt den Bund der Ehe einging. Caroline Ottilie heiratete früh (1891),15 ließ sich wieder scheiden und heiratete 1905 zum zweiten Mal. Vier weitere Geschwister sind belegt:16 Anna Mandt (1875-1964), Martin Wilhelm Mandt (geb. 1878), der Schlosser Franz Hermann Mandt (1890-1942)17 und die Kassiererin Mathilde Karoline (1892-1982).18 Die Mandts hatten demnach mindestens sieben Kinder. Was aus der Zwillingsschwester Maria wurde, ist nicht bekannt.

Nach dem frühen Tod der Mutter (1897) zog die Familie zurück nach Düsseldorf, wo sie von 1892 bis 1894 bereits vorübergehend gelebt hatte. Martin Mandt heiratete gut ein Jahr, nachdem seine erste Frau gestorben war, erneut, und zwar 1898 Wilhelmine Kepper (geb. 1843).19 In dieser Zeit ging Martha Mandt vermutlich in Düsseldorf zur Schule. Absolvierte sie dort auch eine Ausbildung? Ab etwa 1911 war sie Mitglied20 der „Internationalen Artisten-Loge", einem Berufsverband, der für die soziale Absicherung der Artist_innen sorgen sollte.21 Später pendelte sie – vermutlich jeweils vor und nach Auftritten – zwischen 1916 und 1918 zwischen Barmen (heute zu Wuppertal) und Düsseldorf.22 Die Städte und Bühnen, die sie frequentierte, wechseln sich so häufig ab, dass über einen oder mehrere dauerhafte Wohnorte nur spekuliert werden kann.

Lea Manti, Postkarte, gelaufen 1916, Privatarchiv
Ansichtskarte, gelaufen 1916,
Privatarchiv

Mindestens eine Ansichtskarte kokettierte mit dem Ansehen, das Lea Manti in den 1910er Jahren längst zu genießen schien: Im März 1916 wurde in Barmen eine Postkarte verschickt, auf der eine androgyne Person frontal stehend im Frackanzug zu sehen ist. Sie* trägt kurzes gescheiteltes, aber nicht anliegendes Haar und empfängt oder begrüßt freundlich lachend die Betrachtenden mit ausgebreiteten Armen. Unter der Abbildung ist gedruckt zu lesen: „LEA MANTI?"23



Handelt es sich bei der Person um Lea Manti – oder sieht sie ihr nur ähnlich? Oder sollte es ein Hinweis darauf sein, dass Lea Manti mit bürgerlichem Namen Martha Mandt hieß? Mit Bleistift ist unter die gedruckte Frage auf die 1916 gelaufene mir vorliegende Postkarte gekritzelt: „Der Liebling aller Frauen u. Mädchen". Es sieht so aus, als würde hier gerade mit der Androgynität der Künstler_in gespielt, die durch den handschriftlichen Zusatz noch unterstrichen wird. Wie die Rückseite verrät, ist die Karte anlässlich seines Geburtstags an einen Herrn in Velbert (das liegt in der Nähe von Wuppertal) gerichtet. Es unterschreiben fünf Personen, von denen die meisten ihren vollen Namen nennen – was vielleicht den Rückschluss zulässt, dass es sich überwiegend um Bekannte und nicht um Verwandte handelt. Kannte die Gruppe Lea Manti alias Martha Mandt womöglich persönlich? Es ist sicher kein Zufall, dass diese Karte in Barmen ausgewählt und verschickt wurde, zudem zu einer Zeit, in der Martha Mandt immer wieder kurzzeitig in Barmen gemeldet war.



Auftritte, künstlerische Leitung – und Anekdoten


Lea Manti selbst gibt in dem bislang einzigen von ihr überlieferten Brief an, dass sie ihre Arbeit als Artistin im Alter von 16 Jahren begann. Seit 1903 stand sie auf der Bühne.24 Ab 1909 sind über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahrzehnten zahlreiche weitere Auftritte von ihr als Kunstpfeiferin belegt.25 Von 1910 bis 1916 ist ihr Name in Zeitungsinseraten für Varieté-Vorstellungen in diversen Städten zu finden: von Hamburg-St. Pauli über die Niederlande bis nach Österreich-Ungarn, Schweiz, Polen, England, München, mehrmals Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main – oder immer wieder auch: Berlin. Der Weltkrieg schien sie nicht an ihren vielen Auftritten in wechselnden Städten zu hindern.

Ab September 1917 gastierte sie häufiger in Frankfurt am Main, wo sie mindestens ab Dezember 1918 für etwa zweieinhalb Jahre, nämlich bis Mai 1921, die künstlerische Leitung der „Arkadia's Künstlerspiele", später "Lea Manti Künstlerspiele", übernahm.26 Sie selbst wohnte offenbar auch dort, wo die "Lea Manti Künstlerspiele" angesiedelt waren: in der Kaiserstr. 67. Spätestens in den 1920er Jahren war Lea Manti auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen. Vielleicht liefen die Geschäfte und Auftritte in dieser Zeit gut, denn im Januar 1922 kaufte Lea Manti in Frankfurt die „Paul Jorick'schen Künstlerspiele".27 Während ihrer Tätigkeit reiste sie weiterhin zu anderen eigenen Auftritten (u. a. nach Leipzig, Dresden, Berlin). Es stellt sich die Frage, was währenddessen mit ihren Künstlerspielen geschah: Übertrug sie die Leitung dann vorübergehend einer anderen Person?

Überlieferte Anekdoten, in denen Lea Mantis Name in Verbindung mit einer anderen Berühmtheit oder einer anderen Thematik genannt wird, belegen ihren hohen Bekanntheitsgrad: So erzählt der Humorist Hans Reimann (1889-1969)28 augenzwinkernd von einem merkwürdigen Diebstahl, der dem Kabarettisten Max Ehrlich (1892-1944) widerfahren sei, als er etwa um 1921 gegenüber den Frankfurter Künstlerspielen ein Hotelzimmer bezogen hatte. Ehrlich sei zu dieser Zeit bei Lea Manti angestellt gewesen und sprintete offenbar zwischen Theater und Hotel hin und her, wobei ihm sein gesamtes Hab und Gut abhandenkam.29 Die Erwähnung der Künstlerin funktioniert nur, wenn das Lesepublikum mit dem Namen Lea Manti auch etwas anfangen konnte, vielleicht auch ein Bild vor Augen hatte. Ebenso wurde ihr Name bei einer Sportberichterstattung ins Spiel gebracht. In einem Artikel, der sich über ein scheinbar wahllos Beifall klatschendes Fußballpublikum auslässt, wird unverdienter an verdientem Applaus gemessen. Dazu wird die bekannte Künstlerin zum Vergleich herangezogen: „Wenn ein Spieler wegen Nasenbluten das Feld verläßt und nach fünf Minuten wieder erscheint, erhebt sich der Beifall. Wenn der Torwächter einen Ball hält, wird er beklatscht wie Lea Manti, wenn sie den Tannhäuser pfeift. Außergewöhnliche Leistungen können mit Freuden quittiert werden, aber wegen jeder Kleinigkeit die Hände patschen – das ist für meine wirklich nicht blasierten Begriffe eine Albernheit."30 Dass Lea Manti Beifall vom Publikum erhält, schreibt der Autor ganz klar ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten zu, die er im Fußball nicht erkennen kann. Auch hier ist die Voraussetzung für das Verständnis der Pointe ein allgemeines Wissen um die Künstlerin. Offenbar wurde ein solches auch in Fußballkreisen angenommen.



Ankündigung in The Courier Journal 1924, Reprinted with permission,<br>The Courier Journal ©
The Courier Journal, 18.1.1924
Reprinted with permission,
The Courier Journal ©

USA-Reise 1923/24 mit Auftritten in Kentucky und Events nach ihrer Rückkehr


Am 2. Oktober 1923 tritt Mart(h)a Mandt alias Lea Manti eine zehnmonatige Tournee31 durch die USA an. Dafür schifft sie sich in Hamburg auf der "Reliance" nach New York ein. Sie gibt „artist" als Beruf an; mit Bleistift ist Akrobatin darüber geschrieben.32 Ob sie für diese Reise oder jemals eine Agentin oder einen Agenten beauftragt hatte, ließ sich nicht ermitteln.



In Louisville in Kentucky ist Lea Manti Teil eines großen Bühnenprogramms mit verschiedenen US-amerikanischen Künstler_innen und Artist_innen.33 In diesem Zusammenhang nutzt sie die Gelegenheit, sich in Louisville – unentgeltlich – auch an einer Wohltätigkeitsveranstaltung zu beteiligen: Zwei Jahre zuvor nämlich, am 28. Januar 1922, waren im Knickerbocker Theater in Washington, D. C., viele Menschen ums Leben gekommen oder schwer verletzt worden, als bei einer Stummfilmvorführung mit Orchesterbegleitung das Dach einstürzte. Ein Schneesturm hatte enorme Schneemassen auf das Dach geweht, das mitten in der Vorstellung nachgab und auf die Musiker stürzte. Der aus Italien gebürtige Dirigent Ernesto Natiello (1878-1922) wurde darunter begraben und starb. Sein Bruder, der Violinist Oreste Natiello (1881-1959), verlor bei der Katastrophe einen Arm, überlebte aber. Die Brüder waren vor ihrem Engagement in Washington mit einer Band in Louisville, Kentucky, aufgetreten. Dorthin war Oreste, als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, zurückgekehrt.34 Ihm zu Ehren und zu seinen Gunsten wurde im Januar 1924 eine große Benefizveranstaltung durchgeführt, an der etwa 2.000 Zuschauende und 18 Künstler_innen teilnahmen, die eine große Menge Geld einspielten. Eine von ihnen war – in einem prominenten Foto in der Presse festgehalten – Lea Manti. Auf diesem Bild ist sie bis zu den Hüften zu sehen, trägt einen Anzug und eine Fliege sowie zurückgekämmte glatt am Kopf anliegende Haare. Ihr Arme hat sie in die Hüften gestemmt und schaut herausfordernd zur Seite.35



In den Lokalzeitungen wurden ihre Fähigkeiten und eine attraktive Persönlichkeit ("attractive personality"36) besonders hervorgehoben. Anfang März 1924 trat Lea Manti als angekündigtes Novum und "international whistler" im Walnut Street Theater in Louisville, Kentucky, auf – und auf der Fotoseite der Zeitung inmitten von Größen wie dem mexikanisch-US-amerikanischen Schauspieler Ramon Novarro (1899-1968) oder dem Stummfilmstar Lillian Gish (1893-1993) fällt das lässige und androgyne Porträtfoto von Lea Manti stark ins Auge.37

Nach ihrer Rückkehr aus den USA tritt Lea Manti weiter in Europa auf, zum Beispiel im März 1925 im "Pavillon" in Wien.38 Dort gibt sie auf zwei Fingern die Ouvertüre von der Operette "Orpheus in der Unterwelt" von Jacques Offenbach.39 Im Dezember 1926 erfreut sie wieder einmal Hamburg. Ein Zeitungsartikel fragt dort in rhetorischer Manier nach ihrem Pfeifen: „– wie ein Straßenjunge? wie eine Weltdame? wie eine Künstlerin von beherrschendem Uebermut."40 Ihre Karriere scheint sich auch die nächsten Jahre weiter fortzusetzen.



Lea Manti sorgt für Stimmung in der Berliner Subkultur


Lea Manti hatte auch in lesbischen und/oder trans* Lokalen im Berlin der Weimarer Republik einen Namen: Im Mai 1932 übernahm sie sogar kurzfristig die Leitung eines Lesbenlokals. Die „Monokel-Diele" war im März 193141 von Lotte Hahm (1890-1967),42 der subkulturellen Netzwerkerin und Gründerin des Damenklubs Violetta, eröffnet worden.


Lea Manti, stilisiert
"Leamanti", stilisierte Abbildung
in Magnus Hirschfelds
"Geschlechtskunde"59

An Mantis Seite wirkte dort auch die Performance-Künstlerin Lola Gray (geb. 1893), die ebenfalls kurzzeitig die Leitung innehatte,43 während Lea Manti im Juni 1932 in der „Manuela" empfing,44 dem zweiten Lesben-Etablissement, das Hahm eröffnet hatte. Auch dort sollte Lea Manti laut Ankündigung "für Stimmung" sorgen.45 Zusätzlich zum Frack und den glatten kurzen Haaren hatte sie sich inzwischen ein Monokel46 zugelegt, wie die Abbildung in der Lesbenpresse zeigt.47 In ihrem äußerlichen Auftreten passten Lotte Hahm und Lea Manti – Anzug und Kurzhaarfrisur – hervorragend zusammen. Wahrscheinlich engagierte Hahm Manti als zusätzliche Attraktion, und dem lesbischen und/oder trans* Publikum dürfte die Anwesenheit der Künstlerin an ihren subkulturellen Orten auch wegen ihrer Popularität sehr gefallen haben.

Schon bald war der Name Lea Mantis aber wieder aus den Anzeigen der beiden Bars verschwunden. Kurze Zeit später mussten Lotte Hahm und ihre Lebensgefährtin Katharina Käthe Fleischmann (1899-1967), die jüdischer Herkunft war, diese Lokale auf antisemitischen Verfolgungsdruck der Nazis aufgeben, und 1933 wurden unter dem NS-Regime die meisten lesbisch-schwulen-trans* Subkulturorte polizeilich geschlossen.48 Über Erwähnungen in der Berliner Subkulturpresse der 1930er Jahre hinaus ist ein weiteres Wirken Lea Mantis in den Klubs nicht überliefert. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus scheinen performerische Grenzübertretungen nicht mehr opportun; Manti ist nun häufiger im Radio zu hören, als auf der Bühne auch zu sehen.49



NS-Zeit: Drohende Armut und finanzielle Unterstützung durch die Reichstheaterkammer


1933 beeilte Lea Manti sich, ihre "arische" Herkunft nachzuweisen. Sie stellte einen Antrag an die Reichstheaterkammer und wurde aufgenommen – was die Voraussetzung für weitere Engagements in Nazi-Deutschland gewesen ist. Ihre Briefe unterschrieb sie mit "Heil Hitler", war aber zumindest bis 1938 nicht Mitglied der NSDAP. In den 1930er Jahren ließen die Bühnenangebote nach. Von Oktober 1937 bis April 1938 hat sie in Hamburg beim „Café Näser" "als rechte Hand des Betriebsführers gearbeitet und hat dort aus kleinen Anfängen ein kleines, sauberes Kabarett" geschaffen.50 Was mit der Formulierung "sauber" genau gemeint war, lässt sich nur mutmaßen. Dort verdiente sie jedenfalls 100 RM im Monat; davon musste sie 32 RM Untermiete zahlen. Seit das Café im April schließen musste, hatte sie keine monatlichen Einkünfte mehr. Bisher wurde Lea Manti einmal jährlich zusätzlich aus einer Familienstiftung in Frankfurt/Oder unterstützt, die ihr "Gross-Onkel ehem. Leiparzt am Hofe Kaiser Nikolaus I. von Rußland"51 als ‚Jungfrauenstiftung' eingerichtet hatte. Seit 1932 waren die Zahlungen erheblich reduziert worden; sie lebte nun von der Wohlfahrt.52 Im Sommer 1938 ersuchte sie daher die Reichstheaterkammer um „Unterstützung aus der Spende ‚Künstlerdank'". Dabei handelt es sich um eine 1936 von Joseph Goebbels (1897-1945) gegründete Stiftung, die bedürftige Künstler_innen finanziell unterstützen sollte. Die Leiter der Kammern sind sich schnell einig, denn sie gehen davon aus, dass die "früher sehr bekannte Kunstpfeiferin" aufgrund ihres Alters (sie ist 51) kaum noch gute Engagements bekommen könne, und sprechen sich nach sorgfältiger Prüfung für eine "Spende in mittlerer Höhe" aus.53 Sie selbst gibt allerdings – immer noch sehr selbstbewusst – im Juni 1938 im Fragebogen an: "Trotz meiner künstlerischen Qualitäten Heute (sic, im Original unterstrichen) wie früher ist es mir unmöglich Engagement zu finden – mein Alter spielt keine Rolle, da ich aussehe wie Dreissig. Referenz Fachschaftsleiter Tilllmar [? unleserlich] Hamburg".54 Es ist anzunehmen, dass die Leiter bei der Gewährung der Beihilfe (100 RM) keine Kenntnis von Lea Mantis Aktivitäten in der Berliner Subkultur hatten. Im Sommer 1941 nimmt Lea Manti mitten im Zweiten Weltkrieg an einem Auftritt im lettischen Riga teil: Das Apollo-Theater Augsburg inszeniert für die dort stationierten deutschen Soldaten, die Riga ab Juni 1941 besetzt hielten, eine "Parade der Sensationen".55 Vereinzelt lassen sich noch ein paar weitere Auftritte nachweisen; es bleibt aber bislang unerschlossen, wie ihr weiteres Leben während der NS-Diktatur aussah.



Unbekannter Lebensabend


Seit etwa 1955 findet sich im Adressbuch in Hamburg eine Martha Mandt mit dem Zusatz Künstlerin: bis 1961 unter der Adresse Tangstedter Landstraße 251 in Langenhorn (Hamburg-Nord).56 Aber dann steht sie nicht mehr im Hamburger Adressbuch. Ist sie verzogen, gestorben? In den Generalsterberegistern ließ sich kein Eintrag zu ihr finden.57 Hier verliert sich ihre Spur.



Ingeborg Boxhammer (Bonn 3/2020)

Zitiervorschlag:
Boxhammer, Ingeborg: Lea Manti (1886 – mind. 1960): "die nicht nur auf weibliche Kleidung, sondern auch auf den kleinen Fingern pfeift" – Eine neue Annäherung an Leben und Werk der Kunstpfeiferin. Bonn 2020. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL https://www.lesbengeschichte.org/bio_manti_d.html [cited DATE]


Bislang bekannte Abbildungen von Lea Manti


Neben den zahlreichen, in der Presse oft nachvollziehbaren Auftritten sind nach jetzigem Stand fünf Abbildungen von ihr überliefert:

1. Die Ansichtskarte mit der Person mit ausgebreiteten Armen und darunter „Lea Manti?"; gelaufen ist die Postkarte 1916
2. Ein Foto von ihr bis zur Taille, mit in die Hüften gestemmten Armen, in der Louisville Times und in The Courier Journal, 20.1.1924 (beide Kentucky, USA)
3. Ein Porträtfoto von ihr in The Courier-Journal, 2.3.1924.
4. Eine Ganzkörper-Ansicht von ihr mit den Fingern im Mund pfeifend, die das buehnenarchiv.de auf April 1928 in Hamburg-Dammtor datiert (Zugriff 3/2020).
5. Eine Ganzkörper-Abbildung von ihr mit Monokel aus der Zeitschrift Die Freundin von 1932, die sich auch in „Lila Nächte"58 findet.




1 Siehe zu ersten biografischen Skizzen zu Lea Manti: Heike Schader: Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Königstein/Ts. 2004. – Heike Schader: Kurzportraits über Menschen, die in den 1920er Jahren lebten, in einem Buch zum Thema Butch?, in: Pia Thilmann (Hg.): Butches – begehrt und bewundert, Berlin 2018, S. 28-32.


2 Es ist keine geschlechtliche Selbstdefinition überliefert; lediglich der gewählte Künstlerinnenname "Lea" deutet darauf hin, dass sie sich selbst vermutlich als Frau verstand.


3 Vgl. F. H.: Paris im Orpheum, in: Grazer Tagblatt, 3.12.1930, S. 4.


4 Altonaer Nachrichten, 3.2.1915, S. 3. – Mit dem „Lieblingsmarsch" könnte der "Einzug der Gladiatoren" von Julius Fučík gemeint sein, vgl. Österreichisches Biographisches Lexikon ab 1815 (2. überarbeitete Auflage – online), PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015), https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_F/Fucik_Julius_1872_1916.xml, Zugriff 3/2020.


5 Prager Tagblatt, 18.3.1911, S. 6.


6 Prager Tagblatt, 6.1.1914, S. 4. – Die Farbe Violett galt in der Weimarer Republik als Code der Subkultur, siehe dazu Hanna Hacker: Frauen* und Freund_innen. Lesarten „weiblicher Homosexualität" Österreich 1870-1938 (= challenge GENDER 4), überarb. Wien 2015 [1987], S. 306.


7 Intelligenzblatt für die Stadt Bern, 18.9.1915, S. 3.


8 The Courier Journal, 18.1.1924.


9 Die Fackel, 8.12.1922, S. 3.


10 Hamburger Correspondent, 2.10.1909, S. 4.


11 Hamburger Anzeiger, 20.8.1923, S. 3.


12 Vgl. The Courier Journal, 18.1.1924, S. 16.


13 Vgl. das Logo ihres Briefpapiers in einem Schreiben vom 5.5.1938, BArch, Akte der Reichstheaterkammer R9361-V, Archivnummer 70720. Die Akte hat keine Blattzählung.


14 Heiratsurkunde Nr. 820/1873, Stadtarchiv Wuppertal.


15 STA Düsseldorf-Mitte 1344/1891, Stadtarchiv Düsseldorf.


16 Stadtarchiv Wuppertal.


17 Sterbeurkunde, ancestry.de, Zugriff 3/2020.


18 Stadtarchiv Düsseldorf, 23.01.2020, MKD 1890-1925, Film-Nr.: 7-4-1-125.0000, Streifen 51-52.


19 Stadtarchiv Düsseldorf, 23.01.2020, MKD 1890-1925, Film-Nr.: 7-4-1-125.0000, Streifen 51-52.


20 BArch, Akte der Reichstheaterkammer R9361-V, Archivnummer 70720.


21 Die "Internationale Artisten-Loge" wurde 1901 gegründet und entwickelte sich während des Kaiserreichs zu einer der einflussreichsten Organisationen, bei der Frauen zwar Mitglied werden konnten, jedoch lange nicht an deren Versammlungen teilnehmen durften, vgl. Wolfgang Jansen: Das Varieté. Die glanzvolle Geschichte einer unterhaltenden Kunst, Berlin 1990, S. 169-176.


22 Stadtarchiv Düsseldorf, 23.01.2020, MKD 1890-1925, Film-Nr.: 7-4-1-125.0000, Streifen 51-52.


23 Privatarchiv.


24 Vgl. Bundesarchiv, Akte der Reichstheaterkammer R9361-V, Archivnummer 70720.


25 Hamburger Correspondent, 2.10.1909, S. 4.


26 Vgl. Frankfurter Nachrichten und Intelligenzblatt, 20.12.1918, S. 4.


27 Vgl. Die Fackel, 14.1.1922, S. 3.


28 Hans Reimann gab zwischen 1924 und 1929 in Frankfurt am Main die satirische Zeitschrift Das Stachelschwein heraus.


29 Vgl. Hans Reimann: Gräfin Mariza und ein Diebstählchen, Auszug aus dem "Stachelschwein", in: Linzer Tages-Post, 2.8.1925, S. 11.


30 Ausschnitt aus der Zeitung Fußball, Nr. 14, 3.4.1921, zitiert auf: https://www.dfb.de/news/detail/dfb-wochenschau-pfostenbruch-und-erstes-tor-des-monats-27033/full/1/, Zugriff 3/2020.


31 Vgl. Heike Schader: Kurzportraits über Menschen, die in den 1920er Jahren lebten, in einem Buch zum Thema Butch?, in: Pia Thilmann (Hg.): Butches – begehrt und bewundert, Berlin 2018, S. 28-32, hier 29.


32 Vgl. 1923_New York Passagierlisten Martha Mandt_NYT715_3391-0727+0728, ancestry.com, Zugriff 11/2019.


33 Vgl. The Courier Journal, 2.3.1924. Herzlichen Dank für die zusätzlichen Zeitungsrecherchen an Shelley M. Morrison.


35 Vgl. The Courier Journal, 20.1.1924. – Herzlichen Dank für ihre Recherchen an Shelley M. Morrison.


36 The Courier Journal, 2.3.1924, S. 26.


37 The Courier Journal, 2.3.1924, S. 25.


38 Neue Freie Presse, 5.3.1925, S. 16.


39 Im selben Programm trat die (lesbische) Diseuse Olga Rinnebach (1899-1957) auf, die später, 1942 in Hamburg, mit dem schwulen Kabarettisten Robert T. Odemann (? bis 1985) eine Scheinehe einging, der aber trotzdem denunziert wurde und ins KZ Sachsenhausen kam, vgl. Gudrun Holz (2000): Die schwulen Opfer des Faschismus, https://shop.jungle-world.com/artikel/2000/15/die-schwulen-opfer-des-faschismus, Zugriff 11/2019. – Kannten die beiden sich aus Hamburg – und waren sie möglicherweise gemeinsam als Einzelkünstlerinnen unterwegs bei den gleichen Engagements? Jedenfalls verbrachten beide mindestens zwei Monate (März/April) 1925 im Wiener "Pavillon". Vgl. auch Die Stunde, 19.3.1925, S. 5; 1.4.1925, S. 6.


40 Hamburger Anzeiger, 6.12.1926.


41 Vgl. Die Freundin, Nr. 11, 18.3.1931.


43 Vgl. Die Freundin, Nr. 18, 4.5.1932.


44 Vgl. Die Freundin, Nr. 22, 1.6.1932.


45 Die Freundin, Nr. 23?, 15.6.1932.


46 Siehe zu Monokel als lesbische Chiffre bei Hanna Hacker: Frauen* und Freund_innen. Lesarten "weiblicher Homosexualität" Österreich 1870-1938 (= challenge GENDER 4), überarb. Wien 2015 [1987], S. 313.


47 Die Freundin, Nr. 22, 1.6.1932.


48 Vgl. Ingeborg Boxhammer; Christiane Leidinger: It-Girls der 20er Jahre. Lotte Hahm (1890-1967) und Käthe Fleischmann (1899-1967) betrieben Lesbenbars, initiierten Vereine und brachten Lesben und "Transvestiten" zusammen. In: L.Mag. Das Magazin für Lesben, März/April 2019, S. 44f.


49 Zum Beispiel: Leidsch Dagblad, Radio Hilversum am Dienstag, 11.7.1933, S. 10. – Radio Wien, Heft 19, 1.2.1935, S. 35. – Radio Wien, 1.1.1937, Heft 14, S. 36.


50 So beschreibt es der Leiter der Landesfachschaft IV der Fachschaft Artistik in Hamburg am 13.5.1938 in seinem Brief an die Reichstheaterkammer Fachschaft Artistik in Berlin, BArch, Akte der Reichstheaterkammer R9361-V, Archivnummer 70720.


51 Gemeint ist vermutlich der aus Wuppertal gebürtige Mediziner Martin Wilhelm von Mandt (1799-1858), vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Wilhelm_von_Mandt, Zugriff 3/2020.


52 Lea Manti an die Geschäftsstelle 4409 "Künstlerdank", 22.6.1938. BArch, Akte der Reichstheaterkammer R9361-V, Archivnummer 70720.


53 BArch, Akte der Reichstheaterkammer R9361-V, Archivnummer 70720.


54 BArch, Akte der Reichstheaterkammer R9361-V, Archivnummer 70720.


55 Vgl. Deutsche Zeitung im Ostland, 13.8.1941, S. 5.


56 Vgl. Hamburger Adressbuch 1961.


58 Vgl. Adele Meyer (Hg.): Lila Nächte. Die Damenklubs im Berlin der Zwanziger Jahre. Mit einem Nachwort von Ilse Kokula, Berlin 1994 [1981], S. 33.


59 Nachtrag: Herzlichen Dank für den Hinweis auf diese Abbildung in Magnus Hirschfelds fünfbändigem Werk (1926-1930) an Jens Dobler. Vermutlich handelt es sich um eine Stilisierung des Fotos aus der Louisville Times und The Courier Journal.





Lea Manti in "Die Freundin" 1932, Nr. 24
Lea Manti in "Die Freundin"
1932, Nr. 24

Leitung der Monokel-Diele.
In der Freundin wurde 1932 angekündigt, "daß die weltbekannte Kunstpfeiferin (von der Skala Berlin), Lea Manti die Monokel-Diele übernommen hat." (Anzeige der Monokel-Diele. In: Freundin 1932, Nr. 18) Die Bezeichnung der "pfeifende Frack" weist darauf hin, dass Sie vorzugsweise in männlicher Kleidung auftrat. Einige Hefte später heißt es dann unter der Überschrift "Neuigkeit bei Manuela": “Die weltbekannte Künstlerin Lea Manti erwartet alle Freundinnen täglich abends in den eleganten Klubräumen (...)." (Anzeige der Manuela Bar. In: Freundin 1932, Nr. 22). Kurze Zeit später verschwindet ihr Name wieder aus den Anzeigen der Manuela Bar.



Ergänzung:Wenn der Torwächter einen Ball hält, wird er beklatscht wie Lea Manti, wenn sie den Tannhäuser pfeift. Satyr. (aus dem 'Fußball', Ausgabe 14/1921)



Heike Schader (2004)


Aus:
Schader, Heike: Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Königstein/Ts.: Ulrike Helmer 2004.