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Ottilie W. Roederstein (1859-1937) und Elisabeth H. Winterhalter (1856-1952)

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Mit ihren Werken und mit ihrer Lebensweise schrieben zwei Frauen Geschichte: Ottilie Wilhelmine Roederstein war eine der ersten Auftragsporträtmalerinnen, die ihre Bilder regelmäßig und weltweit ausstellte. Sie konnte sogar vom Ertrag ihrer Kunst leben. Dr. med. Elisabeth Hermine Winterhalter machte als eine der ersten Ärztinnen in Frankfurt am Main, als Gynäkologin und als Frauenrechtlerin von sich reden. Die beiden Frauen waren etwa 50 Jahre – von 1887-1937 – ein Paar. Als Elisabeth Winterhalter, Medizinstudentin aus München, Ottilie Roederstein im Sommer 1885 in Zürich kennenlernte, war diese bereits eine angesehene Malerin in der dortigen Kunstszene.

Roederstein, Selbstbildnis mit Hut, 1904
Ottilie W. Roederstein,
Selbstbildnis mit Hut, 1904
CC BY-SA 4.0 Städel Museum,
Frankfurt am Main

Ottilie Roedersteins Eltern, Alwine Baum (1828-1892) und der Kaufmann Wilhelm Reinhard Roederstein (1828-1891), waren 1857 von (Wuppertal-)Barmen nach (Zürich-)Enge umgezogen.1 Die erste Tochter, Johanna Maria (1858-1897), wurde 1858 geboren, dann folgten 1859 Ottilie Wilhelmine und ihr Zwillingsbruder Otto Ludwig, der kurze Zeit nach der Geburt starb.2 1862 wurde ihre jüngere Schwester Helene geboren.

Berufswunsch: Malerin werden

Ottilie Roederstein berichtet, ihr Wunsch Malerin zu werden, sei geweckt worden, als sie mit ihren beiden Schwestern 1868/69 von dem Maler Eduard Pfyffer (1836-1899) porträtiert wurde.3 Ihre Eltern hielten den Berufswunsch jedoch keineswegs für eine angemessene weibliche Lebensplanung. Kaufmannstöchter des späten 19. Jahrhunderts sollten ihren Ehe- und Mutterpflichten nachkommen; ein Studium und Berufstätigkeit waren für sie nicht vorgesehen. Die Töchter sollten sich an den für sie vorgesehenen begrenzten Lebensraum halten. Dennoch übte sich die junge Ottilie fortan darin, besonders der widerstrebenden Mutter kleinere Freiheiten abzutrotzen. Mit 17 Jahren (1876) gelang es Ottilie endlich, die Eltern von ihrem Berufsziel zu überzeugen. Frauen fanden an den Kunstakademien noch keine Aufnahme; aber es wurde ihr erlaubt, privaten Malunterricht bei Eduard Pfyffer zu nehmen.

Als ihre ältere Schwester Johanna sich 1879 nach Berlin verheiratete, eröffnete dies Ottilie Roederstein ungeahnte Möglichkeiten: Sie durfte zu ihrer Schwester nach Berlin ziehen und dort bei Professor Karl Gussow (1843-1907) Unterricht nehmen. Als einer der wenigen Professoren unterrichtete Gussow mehrere Frauen in der Malerei. Eine von ihnen war die Schweizerin Anni Hopf (1861-1918, später Stebler-Hopf), mit der Ottilie Roederstein sich anfreundete – vielleicht sogar mehr? Roedersteins Eltern glaubten die Tochter bei Hopf in guter Obhut, und mit ihrer Erlaubnis gingen die beiden jungen Frauen 1882 nach Paris – weit weg von familiärer Kontrolle. Im Pariser "Atelier des Dames" konnte sich Roederstein sogar in Aktmalerei üben – ungewöhnlich genug, denn auch diese Disziplin blieb Frauen lange Zeit verschlossen.

Roederstein, Selbstbildnis_1926
Ottilie W. Roederstein, Selbstbildnis mit
verschränkten Armen, 1926
CC BY-SA 4.0 Städel Museum,
Frankfurt am Main

Auch nicht typisch für eine künstlerisch tätige Frau des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Sie malte mit Vorliebe Selbstporträts; im Laufe ihres Lebens wurden es 80 an der Zahl. Dabei inszenierte sie sich gern mit verschränkten Armen und stellte sich damit in die Tradition männlicher Kollegen.4 Ab 1883 – und dann jährlich bis 1914 – konnte sie in Paris einzelne Bilder ausstellen. Mit der französischen Metropole blieb sie sehr verbunden; sie behielt dort über Jahrzehnte ein Atelier, das sie auch vielen ihrer Schülerinnen* zur Verfügung stellte. Neben Hopf wurden viele weitere Künstlerinnen lebenslange Freundinnen von Roederstein: die Pariser Fotografin Jeanne Smith (1857-1943) und ihre Schwester, die Künstlerin Madeleine Smith (1864-1940, später Smith-Champion), ebenso wie die Roederstein-Schülerin Emma Kopp (1864-1941).

Im Erfolgsjahr 1883 zeigte Roederstein auch erstmals in einer Ausstellung ihre Arbeiten daheim in Zürich erfolgreich der Öffentlichkeit. Fortan pendelte sie arbeitend und Kontakte knüpfend zwischen Paris und Zürich, wo ihre Eltern weiterhin versuchten, auf ihren Werdegang Einfluss zu nehmen.5 Während eines Zürich-Aufenthalts im Sommer 1885 lernte Roederstein die Münchner Medizinstudentin Elisabeth Winterhalter kennen: "Mit ihr verband mich bald eine tiefe Freundschaft".6

Roederstein, Porträt von Elisabeth Winterhalter, 1887
Ottilie W. Roederstein: Porträt von
Elisabeth Winterhalter, 1887
CC BY-SA 4.0 Städel Museum,
Frankfurt am Main

Winterhalter machte offenbar nicht nur großen Eindruck auf Ottilie, sondern auch auf deren Vater, denn Reinhard Roederstein unterstützte bald auch ihr Medizinstudium finanziell. Die beiden Frauen wurden zudem Teil einer kleinen Gruppe von (studierenden) Frauenpaaren, zu denen unter anderen die späteren Ärztinnen Clara Willdenow (1856-1931) und Agnes Bluhm (1862-1943) gehörten. Letztere propagierte allerdings spätestens ab 1935 rassistisch-eugenisches Gedankengut.7

Roedersteins Karriere nahm derweil weiter Fahrt auf: 1889 und 1900 wurden nicht nur Gemälde von ihr in der Pariser Weltausstellung gezeigt, sondern sogar prämiert. Währenddessen schmiedeten Winterhalter und Roederstein längst Pläne für ein gemeinsames Leben. Dieses Bestreben ließ sich wohl erst nach dem Tod von Reinhard Roederstein realisieren: 1891 zogen Roederstein und Winterhalter nach Frankfurt am Main und schufen sich dort ein gemeinsames Heim. Wenige Gehminuten entfernt richtete Roederstein sich ein Atelier ein und mit Hilfe inzwischen zahlreicher Kontakte in die Kunstszene verschaffte sie sich eine erste Ausstellung ihrer Porträts in Frankfurt. Etliche weitere Arbeiten, Kunstreisen und Ausstellungen folgten. 1893 gelang es Roederstein, ein Bild auf der Chicago's World's Fair in Chicago zu präsentieren. Ihr Gemälde wurde in der Deutschland-Sektion im eigens für die Weltausstellung errichteten Woman's Building gezeigt, für dessen Bau sich die Frauenstimmrechtsaktivistin Susan B. Anthony (1820-1906) eingesetzt hatte.8 Zunehmend porträtierte Roederstein namhafte Persönlichkeiten Frankfurts und Umgebung, sodass sie bald sehr gut von dieser Auftragsmalerei leben konnte, die auch ihren Stil beeinflusste. Gleichzeitig unterrichtete sie im Städelschen Kunstinstitut vor allem junge Malerinnen.

Als Ausgleich zu ihrem hohen Arbeitspensum konnten Roederstein und Winterhalter einige Reisen gemeinsam unternehmen. Auf diesen sorgten sie auch für ihre körperliche Fitness: So erklommen beide beispielsweise 1898 bei einer Bergtour im Oberengadin offenbar mühelos mehrere über 3500 m hohe Gipfel. Die beiden Frauen reisten viel; nicht alle Reisen unternahmen sie gemeinsam. Zu Roedersteins französischem Bekanntenkreis gehörte auch die Tiermalerin Rosa Bonheur (1822-1899), die wie sie Frauenbeziehungen lebte und das Malen zum Beruf gemacht hatte. Als Bonheur im Mai 1899 starb, fuhr Roederstein zusammen mit einer ihrer ersten Schülerinnen, der Porträtmalerin Mathilde Battenberg (1878-1936), zum Begräbnis, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.9

Eine Handverletzung beeinträchtigte Roedersteins Kunstfertigkeit, und sie sah sich gezwungen, ihre Maltechnik zu verändern. Auf diese Weise musste sie das Malen nicht gänzlich aufgeben und konnte weiterarbeiten. 1902 wurde sie Mitglied im Frankfurt-Cronberger Künstlerbund, der primär als Ausstellungsgemeinschaft auch über Frankfurter Grenzen hinaus gedacht war und bis 1909/1910 Bestand hatte. Aber auch ihrer Heimat Zürich fühlte sie sich weiterhin verbunden: Sie beantragte wiederholt das Zürcher Bürgerrecht, das ihr im März 1902 auf Stadtratsbeschluss auch verliehen wurde.10

Roederstein, Porträt von Elisabeth Winterhalter, 1902
Ottilie W. Roederstein: Porträt von
Dr. Elisabeth Winterhalter, 1902
CC BY-SA 4.0 Städel Museum,
Frankfurt am Main

Berufswunsch: Ärztin werden

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war nicht nur Ottilie Roedersteins Leben von Erfolg gekrönt, sondern auch das ihrer Lebensgefährtin Elisabeth Winterhalter. Beide Frauen waren durch ihre Arbeit finanziell unabhängig und lebten autonom. Um 1900 war das alles andere als selbstverständlich. Dabei setzte sich Winterhalter in ihrer Berufswahl ebenfalls über zugewiesene Frauenrollen hinweg: Sie wollte unbedingt Medizin studieren.

Elisabeth Hermine Winterhalter wurde am 17. Dezember 1856 in München geboren. Sie war das jüngste Kind von Georg Winterhalter (1802-1868) und Elisabeth von Garr (1816-1892). Ihre Mutter gebar insgesamt 13 Kinder, "von denen 10 heran wuchsen".11 Nach dem Besuch einer Klosterschule wollte Elisabeth Ärztin werden, genau wie ihr Vater und viele männliche Winterhalters vor ihr. Dies war aber nicht nur gesetzlich in Deutschland gar nicht vorgesehen, sondern auch von ihrem Vormund, der ihr 1868 nach dem Tod des Vaters zugeordnet wurde, keineswegs gewünscht. Er ließ zwar eine Ausbildung zu, aber nur eine, die bei Verheiratung gleich wieder hätte aufgegeben werden müssen. Deshalb musste Elisabeth Winterhalter zunächst am neugegründeten ersten bayerischen Lehrerinnenseminar (etwa 1871) teilnehmen und sich dort zur Lehrerin ausbilden lassen. Nach zwei Jahren wurde sie Hilfslehrerin in Schwabing, war aber darüber alles andere als glücklich: "Ich war ohne Neigung für den Lehrerinnenberuf."12

Auslöserin für den Umschwung in ihrem Leben soll ihren eigenen Angaben zufolge eine Zeitungsnachricht gewesen sein: 1874 las sie eine Notiz über die Promotion der ersten Schweizer Medizinstudentin Emilie Lehmus (1841-1932). Lehmus wurde die erste niedergelassene Ärztin Deutschlands und nahm zusammen mit ihrer Kollegin und Freundin Franziska Tiburtius (1843-1927) ab 1877 eine "Poliklinik weiblicher Ärzte für Frauen und Kinder" in Berlin in Betrieb.13 Auch Elisabeth Winterhalter wollte sich in dieser Richtung orientieren, und im Herbst 1884 gelang es ihr endlich, ein Medizinstudium durchzusetzen. Allerdings war zu dieser Zeit ein Frauenstudium in Deutschland immer noch nicht möglich. Deshalb legte Winterhalter die notwendigen Prüfungen für Zürich ab und studierte ab 1884 in der Schweiz, wo sie 1885 Ottilie Roederstein kennenlernte und mit ihr etwa 1887 eine Beziehung einging.

Nach erfolgreichem Studium machte Winterhalter 1889 ihr Staatsexamen und promovierte 1890 zur Dr. med. zum Thema "Die Entstehung der Scheidenharnfisteln mit besonderer Berücksichtigung der durch Geburtstrauma bedingten Fälle". Zur Gynäkologie arbeitete sie anschließend auch in Paris, München und Stockholm bei namhaften Medizinern. Ob das Angebot zweier Frankfurter Kollegen, die frisch gebackene Medizinerin in ihrem beruflichen Fortkommen zu unterstützen, ausschlaggebend dafür war, dass Winterhalter und Roederstein sich im folgenden Jahr gemeinsam in Frankfurt am Main niederließen (und nicht etwa in Zürich oder Paris)? Denn ihr Schweizer Ärztinnen-Examen galt in Deutschland wenig. Aber Winterhalter stellte sich den neuen Herausforderungen und organisierte trotz fehlender offizieller Anerkennung neben ihrer Forschung in einem Gebäudekomplex, der dem "Verein der evangelischen Schwestern" gehörte, eine gynäkologische Frauenklinik. Diese wurde in den 1890er Jahren durch den "Vaterländischen Frauenverein vom Roten Kreuz" initiiert.14 Auch als Geburtshelferin war die Ärztin erfolgreich tätig. Zu ihren Patientinnen gehörten die feministische Sozial- und Friedenspolitikerin Anna Edinger (1863-1929)15 sowie 1893 und 1899 auch die Sozialdemokratin und spätere Frankfurter Abgeordnete Henriette Fürth (1861-1938); ihr war sie bei mehreren Kindergeburten nach deren eigener Aussage eine sehr große Hilfe.16 Mit der Unterstützung von Kollegen führte Winterhalter 1895 in Frankfurt als erste Medizinerin eine Laparotomie (Öffnung der Bauchdecke) durch.

Auf der Höhe ihres Schaffens gelang es der Ärztin schließlich, ihre unfreiwillige Lehrerinnenausbildung für emanzipatorische Zwecke zu nutzen: Sie hatte Einblick in das marode Mädchenbildungssystem erhalten und längst Ideen zur Verbesserung entwickelt. Als der Verein "Frauenbildung – Frauenstudium" 1898 in Frankfurt tagte und sich in Folge eine Ortsgruppe gründete, sah Winterhalter ihre Chance gekommen: Sie wurde Vorsitzende17 und erkämpfte sich – wenn auch mit Kompromissen – ihr erklärtes Ziel: Frankfurts erstes Mädchengymnasium. Winterhalter war es, die die ersten "Gymnasialkurse für Mädchen" am 14. April 1901 mit einer Rede eröffnete. Als 1908 nicht mehr genug Geld eingeworben werden konnte, wurden die Mädchenkurse an eine neu gegründete höhere Töchterschule angegliedert.18 Auch bei der 1900 einberufenen "Sittlichkeitskommission" des Bundes Deutscher Frauenvereine brachte Winterhalter sich ein. 1903 nahm sie zudem am 1. Kongress der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten teil.19

Trotz mehr als 10 Jahren erfolgreicher gynäkologischer Tätigkeit und Forschung war Winterhalter nach deutschem Gesetz nach wie vor keine "richtige" Ärztin: "Meine rechtliche Stellung war daher gewissermaßen die einer Kurpfuscherin".20 Als 1902 die Möglichkeit entstand, sich auch in Deutschland approbieren zu lassen, nahm Winterhalter im Alter von 47 Jahren diese Herausforderung an und erhielt im Winter 1903/04 auch die deutsche Approbation. Sie konnte allerdings dann nur noch bis 1911 praktizieren, weil sie wegen eines Hörproblems den Beruf aufgeben musste.

Gemeinsamer Lebensabend

Bis zu diesem Einschnitt dürften die beiden Frauen es geschafft haben, eine langjährige (Liebes-)Beziehung zu leben und sich gleichzeitig persönliche sowie berufliche Freiräume zu erhalten. Trotz der vielen Reisen, die besonders Roederstein in alle Himmelsrichtungen unternahm, und trotz unterschiedlicher beruflicher Verpflichtungen, trafen sie in ihrem Frankfurter Heim immer wieder zum Kraft tanken zusammen. Womöglich, weil sie langfristig mehr Ruhe und Entspannung in ihren Alltag bringen wollten, ließen Winterhalter und Roederstein sich in Hofheim am Taunus eine Villa bauen. Auf einem angrenzenden Grundstück ließen sie 1911 zusätzlich ein Atelierhaus für Roederstein und ein Gärtnerinnenhaus für Winterhalter errichten.21

1914 wurde die Reichweite der Frauen aufgrund des Ersten Weltkrieges stark eingeschränkt; das Atelier in Paris musste Roederstein aufgeben. Allerdings unterstützten beide bereits im ersten Kriegsjahr die "Zentralsammlung für Kriegsfürsorge" mit einer vergleichsweise hohen Summe.22 1917 initiierten Winterhalter und Roederstein zudem eine Stiftung u. a. für Not leidende Künstler und Künstlerinnen, die jedoch erst 1937 tätig werden konnte. Außerdem überließ Roederstein dem Kunsthaus Zürich 1920 mehr als ein Dutzend eigener Bilder als Schenkung, um die Werke zu sichern. Diese Entscheidung resultierte vermutlich aus der zu erwartenden Beschlagnahmung von Wohnhaus und Atelier durch die französische Besatzung, die bis 1929 anhielt. Im gleichen Jahr wurde anlässlich ihres 70. Geburtstages eine große Ausstellung zu Ehren Roedersteins im Frankfurter Kunstverein eröffnet. Auch erhielt sie zusammen mit Elisabeth Winterhalter für ihre Verdienste das Ehrenbürgerinnenrecht der Stadt Hofheim. Obwohl sie der faschistischen Ideologie kritisch gegenüberstand, wurde Roederstein Mitglied der Reichskammer für bildende Künste und beteiligte sich sogar 1934 an der Frankfurter Ausstellung "Kraft durch Freude".23

Ottilie W. Roederstein starb am 26. November 1937 78-jährig an einem Herzleiden. Bereits ein Jahr nach ihrem Tod sorgte ihre Lebensgefährtin für eine umfassende Retrospektive ihrer Werke in Frankfurt und auch in der Schweiz. Elisabeth Winterhalter kümmerte sich gut um Roedersteins Erbe und vermachte es dem langjährigen Freund und späteren Biografen Hermann Jughenn (1888-1967), dessen umfangreiche Sammlung 2019 dem Frankfurter Städel-Museum überlassen wurde, wo sie seitdem erschlossen wird. Der Nachlass (Roederstein-Jughenn-Archiv) deckt neben etlichen (künstlerischen) Materialien auch ein weit gespanntes und vielfältiges Netzwerk auf, das Roederstein im Laufe ihres Lebens als Künstlerin geschaffen hatte. Der von Jughenn erstellte Katalog umfasst 1800 Arbeiten von Roederstein. Dabei dokumentiert ein Teil der überlieferten Korrespondenz auch "die eheähnliche Lebensgemeinschaft der über Jahrzehnte miteinander verbundenen, wirtschaftlich unabhängigen und gesellschaftlich hochangesehenen Frauen".24

Elisabeth Winterhalter starb im hohen Alter von 95 Jahren am 12. Februar 1952. Sie wurde neben Ottilie Roederstein auf dem Waldfriedhof in Hofheim beerdigt. In herkömmlicher (Kunst-)Geschichtsschreibung wurden die beiden Frauen immer wieder übergangen; seit einigen Jahren jedoch nimmt die Anzahl der Publikationen und auch der Ausstellungen zu. In wenigen Städten existieren inzwischen nach Roederstein (Hofheim) oder Winterhalter (Frankfurt) benannte Straßen und Plätze.


Ingeborg Boxhammer (Bonn, August 2021)



Zitiervorschlag:
Boxhammer, Ingeborg: Ottilie W. Roederstein (1859-1937) und Elisabeth H. Winterhalter (1856-1952) [online]. Bonn 2021. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL https://www.lesbengeschichte.org/bio_roederstein_d.html [cited DATE].






1 Stadtarchiv Zürich, 1.7.2021.


2 Daten und Zuordnungen sind dieser biografischen Übersicht entnommen: Alexander Eiling, Eva-Maria Höllerer, Sandra Gianfreda: Biografie, in: Frei. Schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein, hrsg. v. Alexander Eiling, Eva-Maria Höllerer, Sandra Gianfreda, Kunsthaus Zürich, Städel Museum, Frankfurt am Main, 2020/21, S. 177-190.


3 Ottilie W. Roederstein (autobiografischer Artikel), in: Elga Kern (Hrsg.): Führende Frauen Europas. In 25 Selbstschilderungen. Neue Folge. München 1930, S. 70-75, hier 70.


4 Vgl. Barbara Rök: Das Ich als Manifest und Bekenntnis. Ein Blick auf Roedersteins gemalte Selbstbildnisse, in: Frei. Schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein 2020/21, S. 50-69, hier 56.


5 Vgl. Barbara Rök: "Die bedeutende Individualität unter den weiblichen Malern in Frankfurt " Ottilie W. Roederstein und ihr Weg in die Unabhängigkeit, in: Künstlerin sein! Ottilie W. Roederstein, Emy Roeder, Maria von Heider-Schweinitz, Frankfurt am Main 2013, S. 9-20, hier 10.


6 Roederstein 1930, S. 73.


7 Siehe Regula Schnurrenberger: "Die keusche Blume der Freundschaft" – Ida und Pauline Bindschedler, in: Die Lesbenzeitschrift, 1999, Nr. 13, S. 14-17.


8 Vgl. Stanley Appelbaum (Ed.): The Chicago World's Fair of 1893: a photographic record photos from the collections of the Avery Library of Columbia University and Chicago Historical Society, New York 1980, p. 69. Herzlichen Dank für diesen Hinweis an Shelley B. Morrison.


9 Vgl. Frei. Schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein 2020/21, S. 181f.


10 StRB B 78 vom 15. März 1902, Stadtarchiv Zürich.


11 Elisabeth Winterhalter (autobiografischer Artikel), in: Elga Kern (Hrsg.): Führende Frauen Europas. In 25 Selbstschilderungen. Neue Folge. München 1930, S. 30-36, hier 31.


12 Winterhalter 1930, S. 32.


13 Siehe zu den beiden Ärztinnen auch Kristin Hoesch: Ärztinnen für Frauen. Kliniken in Berlin 1877-1914 (= Ergebnisse der Frauenforschung 39), Stuttgart, Weimar 1995.


14 Siehe z. B. Lehmann's Adress-Buch von Frankfurt a. M. und Umgegend, Frankfurt/Main 1893; Handbuch der städtischen Armen-Verwaltung zu Frankfurt am Main 1912; Verzeichnis der Anstalten, Stiftungen, Vereine u. s. w. 1894-95, Frankfurt/Main 1894.


15 Vgl. Karin Görner: Ottilie W. Roederstein und Elisabeth Winterhalter. Frankfurter Jahre 1891-1909. Hg. Von Dagmar Priepke, Heussenstamm-Stiftung, Frankfurt/Main 2018, S. 40.


16 Vgl. Henriette Fürth: Streifzüge durch das Land eines Lebens – Autobiographie einer deutsch-jüdischen Soziologin, Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin (1861-1938) (= Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen XXV), Wiesbaden 2010, S. 266ff.


17 Winterhalter 1930, S. 34.


18 Vgl. Die Gymnasialkurse für Mädchen in Frankfurt a. M., in: Die Frau: Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit, Heft 8 (Mai 1901), S. 507; dazu auch Christina Klausmann: Politik und Kultur der Frauenbewegung im Kaiserreich: das Beispiel Frankfurt am Main, Frankfurt/Main 1997, S. 93-100.


19 Vgl. Klausmann 1997, S. 203.


20 Winterhalter 1930, S. 34.


21 Vgl. Frei. Schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein 2020/21, S. 184f.


22 Zum Beispiel am 27.8.1914 gemeinsam 1.000 Mark, Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Erstes Morgenblatt, 29.8.1914, S. 4.


23 Vgl. Frei. Schaffend. Die Malerin Ottilie W. Roederstein 2020/21, S. 189.