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1910 riefen die beiden Frauen Helene Diller und Käthe Bloch das "Bülow-Casino" als GmbH ins Leben: "Bülow-Casino Wein-Vertriebs-Gesellschaft mit beschränkter Haftung. (…) Gegenstand des Unternehmens: Der Verkauf von Weinen und anderen Getränken innerhalb und ausserhalb der hierfür gemieteten Restaurationsräume, einschliesslich aller hiermit zusammenhängenden Betriebe." So stand die GmbH im Handelsregister.1
Helene Diller – vorausgesetzt, es handelt sich bei einem früheren Eintrag um dieselbe Person – hatte schon Erfahrung mit dieser Gesellschaftsform: Im September 1909 war sie nämlich Gesellschafterin der "Chartreuse Compagnie GmbH", die Likör vertrieb.2 Offenbar verfügte sie auch über das entsprechende Kapital, das für derartige Unternehmungen notwendig war.
Im Handelsregister für die "Bülow-Casino GmbH" waren beide Geschäftsfrauen, Diller und Bloch, offiziell eingetragen; Bloch dabei als sogenannte stille Teilhaberin. Beide Frauen hatten den Angaben zufolge jeweils den zur Bewirtschaftung erforderlichen Betrag von 7.500 Reichsmark eingebracht.3 Als Geschäftsführer des Casinos setzten sie Walter Siemens ein.4 Im Zuge dieser Gründung müssen sie vor oder etwa um 1910 Räume in der Bülowstraße 27 in Schöneberg angemietet haben. Dort existierte bereits seit mindestens 1907 ein Café namens "Pavillon". In einer Zeitungsanzeige war es als GmbH von Albert Freund ausgewiesen.5
Ob die zukünftigen Betreiberinnen das Café von Albert Freund gekauft und gleich auch die GmbH-Idee übernommen hatten? Es könnte allerdings durchaus sein, dass die GmbH gar nicht mit dem "Bülow-Casino" in der Bülowstraße 27 ihren Anfang nahm, sondern vielleicht doch schon im Februar 1910 als "Kasino des Künstlerheims" in der Corneliusstraße 5 startete, wie die Zeitung "Die Große Glocke" behauptet.6 Die "Bülow-Casino GmbH" wurde vom "Prager Tagesblatt" mit "Die G.m.b.H. der nicht Normalen" betitelt.7 Weiter heißt es dort abschätzig: "Mehrere derartig veranlagte Männer und auch zahlreiche Frauen aus Berlin W taten sich zusammen und gründeten mit Hilfe eines Kapitals von 20.000 Mark eine G.m.b.H, die dann den Betrieb jenes Lokals übernahm."8 Hatten sich Helene Diller und Käthe Bloch also mit Schwulen finanziell und ‚ideell' zusammengeschlossen, um einen gemeinsamen Treffpunkt für Homosexuelle anbieten zu können? Dazu schreibt der "Berliner Lokalanzeiger" abwertend: "Das Lokal, das von außen einen anständigen Eindruck macht, ist der Polizei seit langem als Sammelpunkt krankhaft Veranlagter bekannt",9 als Treffpunkt für Personen, "die ungestört ihren perversen Neigungen frönen wollen".10 Zu den "perversen Neigungen" sollten "Schiebetänze seltsamer Art" sowie "Vorträge und Chansons anstößigen Charakters" zählen; zudem seien viele Teilnehmende nur zwischen 15 und 17 Jahre alt.11 Die Angeklagte Helene Diller war zwar wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses", "Kuppelei", "unerlaubter Veranstaltung öffentlicher Lustbarkeiten" und Übertretung der Polizeistunde angeklagt; sie wurde jedoch nur wegen Letzterem zur Zahlung von 50 Mark verurteilt. Ihr konnte nicht nachgewiesen werden, dass sie von den Vorgängen im Lokal Kenntnis hatte.14 Ihr Geschäftsführer Walter Siemens wurde freigesprochen. Aber auch das "Bülow-Casino" verschwand daraufhin von der Berliner Bildfläche, der Handelsregistereintrag der GmbH wurde 1914 gelöscht.15 Die beiden Frauen führten außerdem zur gleichen Zeit in der Friedrichstraße 153a, II. gemeinsam eine Pension. Ob und wie Pension und GmbH miteinander (auch inhaltlich) in Zusammenhang standen, konnte nicht geklärt werden. Auch über die Zielgruppe des "Hotel garni"16, wie die Pension auch genannt wurde, war nichts herauszufinden. Jedenfalls lässt sich in den Folgejahren auch die Pension personell nicht mehr den beiden Frauen zuordnen.17 Ingeborg Boxhammer und Christiane Leidinger (Bonn/Berlin/Düsseldorf 12/2020) Zitiervorschlag: |
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Chronik "Bülow-Casino" (chronologisch, aufsteigend) |
Zeitspanne
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Ereignis |
1909 (29.9.) |
Helene Diller wird Gesellschafterin der Chartreuse Compagnie GmbH: Herstellung und Vertrieb von Likören, insbesondere von Chartreuse-Likör, Geschäftsführer: Adam Hartwein, Weingutsbesitzer, Schöneberg, Fräulein Helene Diller, Berlin: Gesellschaftsvertrag wurde am 29.9.1909 geschlossen (Deutscher Reichsanzeiger und Königlich Preußischer Staatsanzeiger, 26.10.1909). |
1910 (Februar) |
In der Corneliusstraße 5 hat sich die Organisation "Kasino des Künstlerheims" konstituiert und ist weitaus bedeutender als die ‚Neue Damengemeinschaft', denn sie vereinigt gleichgesinnte Damen und Herren. (Die Große Glocke, 16.2.1910) In einem späteren Artikel zum "Bülow-Casino" erinnert sich "Die Große Glocke" daran, dass dies der Vorläufer "Bülow-Casino" war. |
1910 (17.9.) |
Bekanntmachung: "no. 8262. Bülow-Casino Wein-Vertriebs-Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Sitz: Berlin" (Berliner Börsen-Zeitung, 17.9.1910, Abend-Ausgabe, S. 17) |
1910 (8.10.) |
Helene Diller und Käthe Bloch (als stille Teilhaberin) gründen die "Bülow-Casino" GmbH (Wein-Vertriebs-Gesellschaft) mit Restaurant in der Bülowstr. 27. |
1912 (27.2.) |
Schwule laden Frauen in eine geschlossene Gesellschaft im "Bülow-Casino" ein, damit sie ihnen offenbar bei sexuellen Handlungen zuschauen, und lassen sie durch einen angrenzenden Parfümerieladen schließlich wieder aus dem Lokal hinaus (Berliner Volks-Zeitung, 6.4.1913) |
1912 (Juni) |
Das "Bülow-Casino" in der Bülowstr. 27, das eine "geschlossene Gesellschaft" betrieb, wird von der Polizei ‚ausgehoben'. |
1912 (22.11.) |
Helene Diller wird (mit ihrem Geschäftsführer Walter Siemens) angeklagt wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses", "Kuppelei", "unerlaubter Veranstaltung öffentlicher Lustbarkeiten" und Übertretung der Polizeistunde: Diller wird nur wegen Übertretung der Polizeistunde zu 50 Mark verurteilt; Siemens wird freigesprochen |
1912 (3.12.) |
Helene Diller hat die Gesellschaft offiziell aufgelöst |
1914 (13.6.) |
Die "Bülow-Casino-Wein-Vertriebs-Gesellschaft" mit beschränkter Haftung ist aus dem Handelsregister gelöscht (Deutscher Reichsanzeiger und Königlich Preußischer Staatsanzeiger, 13.6.1914) |
Dieser Beitrag ist entstanden im Rahmen des Mikroforschungsprojektes
"Diskriminierende Angriffe und offensive Abwehr – Eine Geschichte der Selbstorganisierung ‚Neue Damengemeinschaft' und ihrer selbstbewussten Akteurinnen* in Berlin um 1900"
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Laufzeit: 10/2020-12/2020
Gefördert von: Berliner Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung zur Forschungsförderung von Mikroprojekten, Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung

